Selbst in den letzten Aufzeichnungen vor seiner Hinrichtung durch die Nationalsozialisten, also in den letzten Tagen seines Lebens, machte sich P. Delp SJ noch Gedanken über den Zustand und die Zukunft der Kirche. Nach einer kritischen Gegenwartsanalyse der Kirche, teilt er seine Gedanken zu einer besseren Zukunft für sie:
„Man soll deshalb keine großen Reformprogramme entwerfen, sondern sich an die Bildung der christlichen Personalität begeben und zugleich sich rüsten, der ungeheuren Not des Menschen helfend und heilend zu begegnen.“
Unter christlicher Personalität versteht er das Christenbild, das der Hl. Paulus in seinem Brief an die Epheser propagiert: „Durch den Glauben wohne Christus in eurem Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der Fülle Gottes erfüllt.“ Die Folge daraus ist nach Paulus eine Zunahme an Kraft und Stärke, die Delp offenbar bei vielen seiner Zeitgenossen vermisste.
Deshalb stellt er als negatives Gegenstück den heilsängstlichen, pfarrerhörigen und erschreckten Christen als Karikatur christlicher Existenz gegenüber, der so weder sich noch der Kirche dient, weil ihm Kraft, Vertrauen und Stärke fehlen. Er verweist aber auch auf die hierarchischen Tendenzen der Institution, die eine solche eigenständige Entwicklung des Einzelnen blockieren.
„Ob die Kirchen den erfüllten, den von den göttlichen Kräften erfüllten, schöpferischen Menschen noch einmal aus sich entlassen, das ist ihr Schicksal.“
Dass Kirche dazu hilft, dass sich solche „erfüllten“, heute würde man vielleicht sagen religiös emanzipierte Menschen entwickeln können, wäre ihr einer Auftrag. Der andere: Diesen einen Weg zu eröffnen, in aller Freiheit diese Kraft und Stärke einbringen zu können, die aus der Liebe entsteht. Damit sie bleiben können und sich nicht daraus entlassen müssen.
Letztlich wäre dies für die Kirche nichts anderes als der Auftrag, den man an Eltern stellen muss, wenn sie ihre Aufgabe gut erfüllen wollen: die Entwicklung der ihnen Anvertrauten zu fördern und sich zunehmend zurückzunehmen, je kräftiger und stärker sie werden – auch wenn die ihre Liebe vielleicht jemand anderem schenken.
Das Zählen der Kirchenbesucher gibt keinen wesentlichen Anhalt dafür, wie gut das gelungen ist. Die Austrittszahlen schon eher. Das sind die Enttäuschten, die nicht fanden, was sie suchten: In der Kirche von der Liebe Gottes erfüllt zu werden und durch sie zu wachsen. Zu Kraft und Stärke!
